150 Meilen westwärts…

…gerne auch „Nightflight to Venus“ oder viele andere klangvolle Titel wären mir für diesen Post eingefallen !

Nachdem uns ein Kommentator aktuell Respekt für unseren „Direkttrip“ von Rostock nach Greifswald gezollt hat – viele legen auf dieser Distanz unter Vortäuschung einer Spontanerkrankung einen Zwischenstopp im Nothafen „Darßer Ort“ ein, dem einzigen Hafen zwischen Rostock und Rügen – fühlten wir uns verpflichtet, diesem Respekt auch zu entsprechen…

Im Grunde kam alles anders als geplant und wir dadurch zu einem überaus eindrucksvollen Erlebnis, nämlich der „Nonstopfahrt“ von Greifswald nach Kappeln,  „am Stück“ 150 Seemeilen in 20 Stunden !

Doch der Reihe nach : nach einer schönen „chilligen“ Woche im angenehmen freundlichen zentrumsnahen Yachthafen Greifswald – hierzu später mehr – sind wir am vergangenen Montag um halb neun – früher geht wegen der Brückenöffnungszeiten in Wieck nicht –

Brückenöffnung in Wieck, kurz vor dem Greifswalder Bodden

den Ryck abwärts in Richtung Greifswalder Bodden…

im Greifswalder Bodden…

in Richtung Gedser in Dänemark aufgebrochen. Unseren ursprünglichen Plan, nach Lome an der Nordküste von Rügen, einem kleinen Hafen an der Steilküste zu fahren hatten wir verworfen, weil alle Wetterprognosen für diese eher kurze Strecke eher 4-5 Bft und Wellenhöhen bis 1,5 Meter vorhergesagt hatten. In Memorian an die Erlebnisse auf der Hinfahrt haben wir uns dann für die Rückfahrt durch den Strelasund entschieden, um auf Höhe Darßer Ort dann den Kurs wetterabhängig endgültig festzulegen : wieder nach Rostock. besser Warnemünde oder eben Gedser, um auf dem Rückweg noch ein bisschen Dänemark „mitzunehmen“.

Parallel zum Darßer Ort war die Welle, von vorne kommend, fahrbar, wenngleich nur teilweise „strickbar“ : Uli differenziert Wellenhöhen mittlerweile in zwei Kategorien, nämlich „SB“ und „NSB“, nämlich danach, ob man währende der Fahrt noch stricken kann (SB für „strickbar“) oder nicht (NSB für „nicht strickbar“)…

Lange Rede kurzer Sinn : nach der sehr schönen Fahrt durch den Ryck, Greifswalder Bodden, Strelasund hinaus auf die Ostsee  stand ziemlich bald fest, dass das Ziel Gedser heißen wird.

Passage Stralsund…

wir wollen ja nach Dänemark : setzen der Gastlandsflagge…

steuerbords in „Griffweite“ : Insel Hiddensee, unmittelbar nach Verlassen des Strelasunds…

Offshore Windpark vor Lolland…

„Traffic“ im Fehmarnbelt, die „Dreickecke“ sind „große Schiffe“…

Während wir in Richtung Fehmarnbelt schipperten, haben wir dann noch einmal THEYR auf Elses MFD, das „Segelwetter“ von Wetteronline und „Windfinder“  nach der Wetterentwicklung der nächsten Tage befragt und mehr oder weniger übereinstimmend die Auskunft erhalten, das Wind und Welle in den nächsten Tagen eher zunehmen werden…

Zur Vermeidung eines mehrtägigen „Einwehens“ Stubbekøbing 2.0 wie in 2016 und mit Blick auf das Ende unseres Urlaubs und den Abholtermin für unsere Hunde aus ihrer „Sommerfrische“ haben wir uns Anbetracht des „Wetterfensters“ vor uns am frühen Nachmittag, kurz querab vor Gedser entschlossen, einfach bis Kappeln durchzufahren !

Bei unserer Entscheidung hat uns die beständig wechselnde Welle, eben noch SB, dann wieder „Hackwelle NSB“ von vorn geholfen : wir hatten schlicht keine Lust, uns bei vermutlich bevorstehendem noch mehr „Wellenwechsel“ in den nächsten Tagen nach Kappeln „zu kämpfen“ und zogen unsere erste Nachtfahrt dem anderen Szenario vor.

Ein bisschen noch das Für und Wider „bekakelt“ und schon ging es praktisch und gedanklich in die Vorbereitung des „Events“ : Als „Backup“ für den potentiellen Spontantod des Plotters bei Nacht schnell das Tablet mit der Navionics-App aufgeladen und den Steuerkurs ab Fehmarnbelt nach Kappel festgelegt und weiter ging`s bei endlich ruhiger werdendem Wasser durch den Fehmarnbelt in Richtung Kappeln sprichwörtlich dem Sonnenuntergang entgegen !

Verlassen des Fehmarnbelts…

Dieser präsentierte sich bilderbuchartig und filmreif : Bei schnell immer ruhiger werdendem Wasser versank die Sonne wie die vielfach besungene von Capri : farblich und mit allen verfügbaren Lichteffekten gab sie und der Tag sich erfolgreich alle Mühe, uns von schon fast 14 Stunden Fahrt und Dieselgeräusch abzulenken und uns mit offen Augen und Mund dastehen zu lassen !

Dem Sonnenuntergang folgte eine fast mystische Dämmerung auf mittlerweile völlig ruhigem Wasser, vor uns, der Sonne folgend die untergehende Venus, südlich Jupiter und östlich rötlich Mars mit in diesem Jahr auffallenden Helligkeit und Größe…!

Elses Fahrtrichtung weißt nun in tiefes schwarzes Dunkel…

immer dunkler, mit Widerschein des Positionslichtes auf dem Gangbord…

Bereits jetzt kann man das Licht des Leuchtturmes in der Einfahrt der Kieler Förde und den an der Südspitze Langelands sehen… Es ist viel Verkehr, hellerleuchtete Schiffe mit klangvollen Namen kreuzen unseren Kurs oder fahren parallel, im AIS kann man ihr Fahrziel, Namen und einiges mehr lesen..

Mit zunehmender Entfernung vom Fehmarnbelt „verteilt“ sich der Schiffsverkehr auf die jeweiligen Schifffahrtswege und langsam wird der Horizont leer. Rote und grüne Funkellichter zeigen die Position der vielen in der Ostsee verteilten Markierungs- oder Fahrwassertonnen an und ich gebe mir, teilweise erfolgreich, Mühe, unsere Position anhand der beleuchteten Tonnen zu identfizieren.

Langsam wird es bis auf einen rötlichen Streifen am Westhorizont tiefschwarze Nacht…! Im Licht von Elses Positionslampen wird das Wasser um uns herum illuminiert.

Das Licht vom Plotter und dem Display des Autopiloten, für Tagfahrt und Sonnenlicht ganz hell eingestellt, wird störend und erschwert die Sicht und erstmals dimme ich es ganz dunkel, eine Funktion, die mir fast entfallen war…Zusammen mit den rot einstell- und dimmbaren Leuchten im Cockpit kann man jetzt alles gut sehen und sich trotzdem im Cockpit noch gut orientieren, alles wirkt geheimnisvoll und aufregend.

An Schlaf ist nicht zu denken : eigentlich wollten wir uns abwechseln beim Bewachen Elses selbständiger Fahrt nach Kappeln, aber auch nach dem langen Fahrtag bleibt es spannend und adrenalingeschwängert bewachen wir gemeinsam Else`s Fahrt.

Der Plotter sagt die Ankunftszeit an der „Safewater“-Tonne Schleimünde  mit 2:42 Uhr voraus, Zeit einen Kaffee zu kochen…

Uli fragt, wo der Mond bleibt :

Noch bevor ich mein „Himmelsjahr“, regelmäßiger Begleiter seit den 1970er Jahren nach dem Mondaufgang befragen kann beantwortet dieser die Frage und geht groß und orangefarben achtern im zurückliegenden Fehmarnbelt mit aller Pracht auf !

Mondaufgang im achtern liegenden Fehmarnbelt : wie man sieht, sieht man nix…

Die Nacht hört nicht auf mit ihren Reizen zu geizen…

Irgendwie ist es ein befremdliches Gefühl ohne Sicht in das Dunkel hinein zu fahren und so fällt mir ein, das Else Radar hat und ich damit nicht nur wie bisher bei Tag und guter Sicht nun auch mal bei Nacht „üben“ könnte…

Radarbild mit Fehleinstellung : zu großer Radius (ein Ring = 2 SM), viele „Fehlechos“…

Nach einer kurzen Schrecksekunde „Sch…, funktioniert nicht“ finde ich die richtigen Einstellungen des Radars, – nämlich nur einen Radarradius von 4 Meilen –  und damit verschwinden auch irritierende hunderte nicht definierbare Radarechos, während tatsächliche verbleiben : Nämlich das eines offensichtlichen Fischerbootes – kein AIS, dafür Positionslampen und helle Arbeitsscheinwerfer sowie die Radarechos zahlreicher Tonnen, gut erkennbar durch das „Overlay“, das Schichten des Kartenbildes auf dem Plotter zusammen mit dem Radarbild. Da Else ohnehin alleine stoisch ihren Kurs durch die Nacht fährt, beschränke ich mich auf das Radarbild auf dem Plotter, um etwaige „Hindernisse“ frühzeitig erkennen zu können, das geht besser, als wenn gleichzeitig die Seekarte mit dargestellt wird…

Radar, nun richtig eingestellt, kleiner Radius ( ein Ring = 1/4 Seemeile : das kleine Echo ist ein Fischkutter, die drei größeren sind Seezeichen und Fahrwassertonnen. Die Größe des Echos sagt leider nichts über die Größe des Objektes aus…

Für mich zur Erinnerung für`s nächste Mal : Radareinstellungen alles auf „Auto“ und nur Radius von max. vier SM, dann ist alles gut und es gibt nur Echos von Dingen, die es auch wirklich gibt ! Warum manche Tonnen ein Echo geben und manche nicht erschießt sich mir nicht : Möglicherweise sind die, die kein Echo geben auch gar nicht mehr da, die Seekarte vom Plotter ist Stand 2015…. Kontrollieren konnte ich die tatsächliche Präsenz der Tonnen ohne Echo infolge Dunkelheit nicht…

Achso : und dann darf man nicht vergessen, im Menü des Radars die „Peilrichtung“ desselben so einzustellen, das diese mit der Seekarte im Plotter übereinstimmt, sonst sind Echos von Tonnen oder Schiffen „versetzt“, d.h., die Echos sind versetzt zur Darstellung der Objekte – Tonnen oder Schiffe mit AIS – und man rafft gar nichts mehr…(Dejavu, siehe hier…)

Langsam aber stetig wird aus dem „Glattwasser“ wieder zunehmend Welle, wie insbesondere von THEYR für das Seegebiet vor Kappeln vorhergesagt und schon bald „bockt und hackt“ es wieder heftig und Else wird mit jedem Eintauchen in die Welle in eine Wassergischtwolke getaucht… Im Gegensatz zum Tag sieht man das  wenigstens kaum, sondern hört nur das Krachen des Wassers auf die Windschutzscheibe und das Verdeck und bemerkt vereinzelte Wasserrinnsaale, die sich ihren Weg durch das Verdeck ins Cockpit bahnen…  Wenigstens ist es nicht kalt, die Wassertemperatur beträgt immer noch, auf dem offenen Wasser 22°C  und so warm ist auch die Luft !

Trotzdem geht schön anders, eben so wie noch vor ganz kurzer Zeit, wir so etwas innerhalb weniger Seemeilen mutiert wissen die Götter…

Vielleicht hat Neptun das Glas Whisky, das wir eben noch mit ihm zur Besänftigung geteilt haben, nicht geschmeckt…

Die Gischtwolken werden von den Positionsleuchten auf der Steuerbordseite grünlich, auf der Backbordseite rötlich gefärbt, rot gefällt mir besser, es wirkt weniger bedrohlich…

Tröstlich an dem spontanen Wetterumschwung ist, das die Welle ziemlich genau von vorne kommt und sie erträglicher macht und die TTG („Time to go“)zum Wegpunkt „Schleimünde“ nur noch ca. zwei Stunden beträgt und somit das zum Glück erträgliche „Leiden“ limitiert ist…

In dem kleinen Sichtfenster, welches der Scheibenwischer beständig „freischaufelt“ ist schon bald darauf der rote Sektor des Leuchtturm Schleimünde  und die befeuerte „Safewater“-Tonne vage zu erkennen…

Es ist erstaunlich, wie lange sich acht verbleibende Seemeilen hinziehen können…

Die entgegenkommende Welle und der Wind haben die Ankunftszeit am Wegpunkt auf 3:15 Uhr verschoben, was mir ganz recht kommt, wird es doch am Osthimmel schon etwas dämmerig :  Bei Welle ist die Einfahrt Schleimünde und ihre eng beieinanderliegenden Tonnen irgendwie „doof“ und der Gedanke, bei noch völliger Dunkelheit durch die unbeleuchteten Tonnenpaare vor Schleimünde und in der Schlei nur nach dem Plotterbild zu fahren hatte mir zugebenermaßen schon ein paar Gedanken bereitet…

Erfreulicherweise beruhigt sich die See vor Schleimünde und es dämmert zusehends !

Mittlerweile habe ich den Kurs händisch in den weißen Sektor des Leuchtfeuer „verlegt“ und bin somit theoretisch genau auf der Einfahrtslinie zwischen den Molenköpfen von Schleimünde.

Im Dämmerlicht starre ich durch die Öffnung im Verdeck nach den Fahrwassertonnen und kann sie kurz vor dem Erreichen auch erkennen… Weiß der Henker, wie das Profis machen, einfach Augen zu und durch oder so, ich bin jedenfalls froh sie nicht blind passiert zu haben…

Kaum sind die Molenköpfe passiert ist alles ruhig, keine Welle mehr, der Wind läßt spürbar noch mehr nach, nur das „Problem“ mit den engen Tonnenpaaren im schmalen Fahrwasser der Schlei bleibt : Teils nicht, teils (nur eine Seite) beleuchtet macht das Erkennen eine grünen Tonne im noch graugrünen Wasser nicht einfacher…

Backbords stehen verschlafene Seevögel nur wenige Meter entfernt im (möven-)knietiefen Wasser und beobachten meine im Ergebnis erfolgreichen Bemühungen, unbeschadet das Fahrwasser nach Kappeln einzuhalten. Richtfeuer an Land unterstützen mein Vorhaben…

Richtfeuer in der Schlei : Feuer liegen übereinander, d.h. „der Kurs passt..“ 🙂

Am Ufer steht ein Zelt und ein Feuer lodert… Es riecht nach Heu, Seetang und Wald…

Uli legt die Schwimmweste an und geht aufs Vorschiff und bereitet die Leinen vor.

Kappeln in Sicht…

Die Achterleinen habe ich mit einer Markierung so versehen, dass sie auf der Klampe gleich in der richtigen Länge für unsere Dalben am Liegeplatz in Kappeln belegt werden können. So brauchen wir nur in die „Box“ reinzufahren und die Leinen passen gleich…

Vor der Klappbrücke Kappeln vergesse ich trotz der fortgeschrittenen Stunde erfreulicherweise nicht die Funkantenne umzulegen, sonst passen wir nicht unter der ungeöffneten Brücke hindurch…

Die „Waterfront“ von Kappeln, gefühlt tausend mal passiert, präsentiert sich irgendwie ganz anders als sonst, ruhig und schläfrig im und vom Dämmerlicht illuminiert…

Die Brückenhöhe passt immer noch, obwohl man immer glaubt, das es gleicht kracht und kurze Zeit später erreichen wir Elses Liegeplatz.

Nach 20 Stunden Motorgeräusch ist die Ruhe nach dem Anlegen und abschalten der Motoren zugegebenermaßen fast erlösend, zum Glück merkt man das erst jetzt…

See- und „Landvögel“  geben gemeinsam ein lautes eindrückliches scheinbar wetteiferndes Morgenkonzert.

nach 20 Stunden am Liegeplatz angekommen…

Uli wird schlagartig von der Müdigkeit übermannt und kriecht in ihre Koje, ich genieße noch eine Stunde lang das Ankommen nach diesem kleinen aufregenden „Abenteuer“, den aufwachenden Tag, den Sonnenaufgang und das eine und andere Glas Wein….

da ist sie schon wieder… 🙂

Wie heißt es so zutreffend : „Der Weg ist das Ziel…!“

Funktioniert auch oder gerade bei Wasserwegen… 🙂

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „150 Meilen westwärts…

  1. Ein schöner Ritt – und ein noch schönerer Bericht. Solches dann bei Mitternachtssonne in nördlichen Breiten, ohne Dunkelheit, wird zum zeitlosen Ereignis, die Relativität des Tagesablaufes auf unserem Planeten als reines Kunstprodukt der Erdbewohner entlarvend. Wird die Else es dereinst erleben?

    Danke für die schöne Schilderung.

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