Seefahrt ist weiblich…

…sogar sehr…!  Zunächst ergibt sich das schon aus „die Seefahrt“, dahinter steckt in Wirklichkeit viel mehr und das ganze Spektrum des wirklichen Lebens:

An schlechten Tagen verbreitet sie eine allumfassende Missstimmung und es ist nicht mit ihr zu reden. Erwartungshaltungen prallen an ihr ab, am Horizont ist Stimmungswechsel wahrnehmbar, der dann jäh enttäuscht wird und sich ins Gegenteil verwandelt. Chameleonartig hält sie alle Spielarten bereit, läßt warten und raten…

Sie bringt Dich in Situationen, in die Du ohne sie nie geraten wärst…

An guten Tagen verzückt sie mit ihrem gesamten Repertoire, lässt alles Schlechte vergessen  und lebt das Paradies. Nie mehr wird es anders, alles geht, nichts ist unmöglich…!

Im Ergebnis kann und will man nicht von ihr lassen und das ist gut so !            

Diese Gedanken kommen mir angesichts der Wetterlage in Stubbekøbing: Das Wetter hier am Grønsund hält alle Spielarten bereit und lässt letztlich keine Entscheidung zur Weiterreise zu.

Überwiegend haben wir schönes relativ ruhiges Wetter, immer wieder unterbrochen durch teils sintflutartige Regenschauer mit „Begleitstürmen“. Wie das Eichhörnchen auf die Schlange starre ich seit Tagen auf den Wetterbericht und versuche mir ein Bild über die Fahrbarkeit des Fahrwassers zu machen, die Seewettervorhersagen widersprechen sich hinsichtlich Windstärken und Wellenhöhen ein bisschen, teils erscheint es „fahrbar, teils nicht“.

Am Sonntagnachmittag sieht es so aus, als ob es Sinn macht, sich weiter bis nach Verjø „vorzuhangeln“, um die Distanz nach Kappeln ein bisschen zu verkürzen. Wir sind schon reisefertig, der Landstromanschluss schon an Bord zurückgenommen und ich helfe eben noch schnell einem in den Hafen kommenden Segler beim Anlegen. Seine Skipperin und er übergeben mir mit fast dankbar erscheinenden Augen die vorbereiteten Leinen lege sie um die Poller und gebe sie zurück. Beiläufig frage ich, wo sie herkommen und erzähle, wo wir hinwollen: „Dass lasst mal schön bleiben, das ist gar nicht nett!!“ Sie berichten von Wellenhöhen bis zu zwei Meter im Smålandsfarvandet und 7-8 Windstärken und raten eindringlich ab. Es bedarf nicht viel Überzeugungskraft, ruckzuck ist der Landstrom wieder angeschlossen, wir verlassen den kommoden Hafen von Stubbekøbing:  nicht und harren weiter der Dinge.

Am Samstag war der Plan B in Kraft getreten, Uli hat die Else gen Heimat mit Bus und Bahn und Fehmarnbelt-Fähre verlassen, Felix ist nahezu zeitgleich identisch angereist. Uli schließt auf der Rückfahrt Bekanntschaft mit einem Segler, der ebenfalls sein Schiff wegen wetterbedingter Wartezeiten und endendem Urlaub ver- und zurückgelassen hat.

So verbringen wir weiter die Zeit in dem possierlichen Stubbekøbing:  Stubbekøbing:  ist mit etwa 2300 Einwohnern die Zweigrößte „Stadt“ von Falster und zeichnet sich dadurch aus, dass Tourismus ein Fremdwort zu sein scheint: Abgesehen von den „Ferienseglern“ im Hafen ist von Tourismus nichts zu spüren, selbst im Hafen liegt das nächste Boot rechts und links jeweils erst vier, fünf Boxen weiter.

Dennoch hat Stubbekøbing:  einen „Männerladen“, einen außerordentlich gut sortierten Werkzeugladen, in dem ich nicht umhin komme, mir vorsorglich wieder etwas mehr Werkzeug, Schrauben, Klebeband und: eine handliche Rohrreinigungsspirale zu kaufen.

Dennoch gibt es zwei Lebensmittelmärkte, beide „aben alle dage kl.8:00 – 22:00“ und obwohl auf dem ein außen Netto drauf steht, ist das Treiben innen dänisch gemächlich und freundlich und das Angebot zum Teil „landestypisch“ individuell.

Wie schon zuvor Uli und ich erlaufen Felix und ich nochmals de Ort, fahren einen Tag auch mit der historisch anmutenden Museumsfähre „Ida“ über den Grønsund zur gegenüberliegenden Insel Bogø  und erlaufen diese im Umfeld des Anlegers. 

Hier ist das Treiben, wenn man es denn als solches bezeichnen möchte, noch ruhiger, es ist nämlich überhaupt nix los außer hübsche Häuschen, gelegentlich nett grüßende Bewohner und eine auffällig hohe Anzahl Schilder „til salg“, das heißt, man kann für relativ wenig Geld hier ein sehr schönes Häuschen, zum Teil in „Asterix und Obelix-Optik“ mit tief herunter gezogenen Reetdach und kleinen Butzenfenstern kaufen.

Felix murmelt von Demografie und ich schätze, er hat recht…!

Dass wir bzw. ich nun schon den fünften Tag in Bogø weile, stört mich nicht wirklich, im Prinzip ist es eine gute weitere Übung, „zwangsweise“ sich ausgiebig mit der ganz anderen als sonst üblichen Umgebung zu beschäftigen, sie wahrzunehmen und lieben zu lernen.

Während der ganzen Reise ist uns schon aufgefallen, dass nahezu alle Segler „betriebsbedingt“ eher spät in den Hafen kommen, sich kurz „anmelden“, an Bord essen und den Hafen nicht verlassen, um dann am nächsten Morgen weiterzufahren. Das gilt insbesondere für Häfen wie Stubbekøbing:, die dann wohl als reine „Durchganshäfen“ angesehen werden, vom Leben in dieser Ecke bekommen diese Crews allerdings augenscheinlich nicht viel mit. Selbst auf Bornholm haben wir das erlebt und auch schon auf unserer Reise in 2013. Gut, viele Segler scheinen in ein enges Zeitkorsett gepresst, in dem aber ein unbedingt ein bestimmter „Törn“ „abzureiten“ ist und dann bleibt für rechts und links des Weges, insbesondere bei widrigen Wetterumständen, nicht mehr viel übrig…!

Hierbei fällt uns wieder einer der Vorteile des Motorbootes auf: Morgens als letzter aufbrechend, sind wir trotzdem nachmittags die ersten, haben die Wahl des schönsten Liegeplatzes und vielmehr Zeit, alles in Ruhe zu begucken. Dem Segler bleibt das teilweise verwehrt, die „Fahrtzeiten“ sind immer fast doppelt so lang und manchen Gesichtern sieht man an, dass der Weg nicht immer das Ziel ist…!

Zehn Stunden im offenen Cockpit bei „Mittagswelle und –wind“ sind augenscheinlich erschöpfender als fünf Stunden bei morgendlichem „Glattwasser“, der Anspruch an Sportlichkeit ist mir spätestens in den 70er Jahren mit den Bundesjugendspielen verloren gegangen und von daher lässt es sich aus meiner Sicht mit dem Motorboot nach wie vor vortrefflich reisen.

Umso erstaunlicher ist, dass wir mit Ausnahme einer größeren Motoryacht auf Bornholm mit einem Skipperehepaar mit einer Gesamtlebensdauer von ca. 150 Jahren auch dieses Mal kein weiteres Motorboot, weder deutscher noch skandinavischer Herkunft begegnet ist. Komisch !

Am Montagabend lässt dann die Wettervorhersage erkennen,  dass sich ab Montagnacht bis Dienstagabend ein „Wetterfenster“ auftut, in dem die Reise von Stubbekøbing: nach Kappeln möglich sein sollte. Danach ist wieder Sturm und Welle und in der Folge die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und das Zurücklassen der Else in Stubbeköbing angesagt, damit auch ich dann mal wieder irgendwie anfangen darf zu arbeiten…!

Felix und ich beschließen, zu Dämmerungsbeginn aufzubrechen, sollte sich die erwartete ruhige Wetterlage über Nacht tatsächlich einstellen. Das ist gegen 21 Uhr bereits erkennbar und wir wollen etwas früher schlafen gehen, damit wir morgens fit sind…!

Gegen Mitternacht gelingt uns das auch schon, nachdem wir zuvor noch einige dänische Biere und den tollen Bornholmer Whiskey in homöopathischen Dosen verkostet haben.

Dennoch gelingt es uns bereits kurz nach drei relativ munter aufzustehen, schnell noch Kaffee zu kochen und bereits eine halbe Stunde später befinden wir uns bei absoluter Windstille auf dem stimmungsvollen dämmerigen Grønsund. Wir unterqueren die beeindruckenden Brücken zwischen Falster und Sjælland und nehmen Kurs auf das Smålandsfarvandet, Richtung Verjø, und geben bei Erreichen offenen Wasser nach der zweiten Brücke ordentlich Gas, um unser Tagesziel Kappeln nach Möglichkeit „beeinträchtigungsfrei“ zu erreichen.

1 ½ Stunden Gleitfahrt mit z.T. 30 Knoten bringen uns fast an den Langelandsbelt heran, zwischenzeitlich haben wir eine Robbe gesehen und alle Facetten des Sonnenaufgangs ausgiebig genossen. Das Wetter scheint stabil zu sein, ein knallblauer Himmel und eine schwache Welle bestimmen das Bild und mit unserer wirtschaftlichen Verdrängerfahrt von 7,5 Knoten setzen wir die Fahrt fort, es ist Zeit für den zweiten Kaffee, Felix verbindet sein Handy mit meinem schönen Fusion-Radio und untermalt die Fahrt mit „Jazz Crossing Classical“. Felix holt ein wenig Schlaf nach und ich genießt ausgiebig die stimmungsvolle Fahrt durch den Langelandsbelt mit Felix überaus passender Playlist.

Gegen zehn Uhr passieren wir bei immer noch schönstem Wetter die Südspitze Langelands mit „Dovensklint“ und dann nimmt der neue Bosman selbsttätig seinen Kurs auf die „Safewater“-Tonne Schleimünde auf.

Um Dovensklint herum ist die Wasseroberfläche irgendwie „aufgebracht“ und kurzfristig haben wir einen entgegenkommenden Strom von 2,5 Knoten.

Während ich auf dem Klo sitze, brüllt Felix oben los und haut auf das Kajütendach „Papa, komm mal schnell…!“: Nach dem Motto „irgendwas ist immer“ befürchte ich kurzfristig schlimmes, Felix hat aber „nur“ Schweinswale gesichtet, die ich, vom Klo kommend leider nicht mehr zu Gesicht kriege.

Mit der App von „Ostseetiere“ machen wir noch eine Sichtungsmeldung mit Positionsangabe und nach der Passage von Dovensklint ändert sich die Wasseroberfläche auch wieder und Else setzt ihre Fahrt nach Schleimünde fort.

Ich nutze die lange Zeit, um ein wenig mit dem Radar zu üben und freue mich, dass ich je nach Einstellung tatsächlich alle sichtbaren Schiffe auch eindeutig auf dem Radar identifizieren kann.

Langsam wird die Welle etwas größer und der Himmel zieht sich zu und die Sicht verschlechtert sich. Ich übe weiter mit dem  Radar, kriege heraus, dass wie schon in dem Radarkurs im März erfahren, im Prinzip die „manuellen Modi“ mit wenig Verstärkung und wenig Filtern das beste Ergebnis liefern.

Optimal erscheint mir die Einstellung mit einem Überwachungsbereich von 2 Seemeilen, noch eindeutiger und klarer sind dann die Echos der hier befindlichen Seezeichen, einer auch auf dem AIS erkennbaren Motoryacht und zweier Segelyachten.

Bei guter Sicht erscheint einem das alles kinderleicht, ich hoffe, dass das auch so bleibt, wenn wir einmal wieder richtig auf das Radar angewiesen sein sollten.

Kurze Zeit später, etwa 10 Seemeilen vor Kappeln, trübt sich das Wetter stark ein und die Sicht geht deutlich zurück und ich komme noch in den „Genuss“ tatsächlich Radarziele zu sehen, die optisch nicht mehr erkennbar sind.

Kurze Überraschung löst eine plötzliche Veränderung des Radarbildes auf: Es sieht aus, als ob jemand auf den Bildschirm gekotzt hat: Um das Schiff herum ist der Bildschirm noch schwarz, von vorne und seitlich erscheinen gelbliche Flecken, die zudem erkennbar ihre Lage verändern!

Da in Richtung der gelben Flecken optisch die Sicht noch schlechter ist, vermute ich starken Regen und probiere mal den Filter „Regen aus“: Das funktioniert nicht wirklich, der Regen prasselt mit Erreichen der gelben Flecken „physisch“ auf uns nieder, allerdings sind die gelben Flecken mit dieser Einstellung tatsächlich völlig vom Radarschirm verschwunden, vom Radar „herausgerechnet“, die im Regenschauer nicht mehr sichtbaren Boote weiterhin als Radarziele erkennbar!

Ich bin hochzufrieden und werde mir die Erfahrungen und Einstellungen für die Nutzung im Ernstfall „dokumentieren“.

Der dichte Regen durchdringt langsam die verschiedenen Anschlüsse des Verdecks und den Rest der Fahrt bis Schleimünde beschäftige ich mich mit beseitigen des Tropfwassers, was zwischenzeitlich auch Felix direkt in das schlafende Gesicht tropft und ihn rechtzeitig zum Erreichen von Schleimünde weckt.

Gegen 12 Uhr passieren wir Schleimünde, der Regen hat aufgehört, eine schwüle „Nachgewitterstimmung“ umgibt meine geliebte Schlei und bei völliger Windstille kommen wir eine Dreiviertelstunde später auf unserem Liegeplatz in Kappeln an.

Wir sind froh, dass das Wetterfenster so komfortabel „offen“ war, für den nächsten Tag und die darauf folgenden ist bereits wieder bereits zum Teil Wind in Sturmstärke angesagt!

Die nur etwas mehr als drei Stunden Schlaf machen sich nun doch bemerkbar und wir sind reichlich träge, zum Schlafen können wir uns aber nicht entscheiden und so verbringen wir die Zeit mit „rumhängen“, erzählen, Musik hören und  entschließen uns nach Überredung unseres Gewissens bereits um 15 Uhr zum Genuss des ersten Bieres, ist ja quasi auch das obligatorische „Einlaufbier“…!

Mit einem weiterem Bier, Kaffee und Duschen schaffen wir es bis 18 Uhr durchzuhalten und machen uns dann auf den Weg zum „Griechen“ in Kappeln.

Das Essen schmeckt dort wieder vorzüglich, ungewöhnlich sind allerdings die stark schwankenden Tische und wir sind erstaunt, dass der Kellner es schafft, ohne zu verschütten, die Getränke einzugießen…!

Das komische Schaukeln ist uns schon in der Dusche aufgefallen, auch die ist irgendwie nicht mehr so standsicher wie früher…!

„Seebeine“ halt, obwohl es gar nicht wirklich wellig war bei unserer Fahrt…

Mühsam schleppen wir uns zurück, Felix verschwindet schon kurz vor neun in der Koje, ich bleibe deutlich länger auf, bis kurz nach neu…!

Zum nächsten Morgen werden zwei neue Schlafrekorde verzeichnet: Felix wacht um 11 Uhr nach 14 Stunden Schlaf auf, ich habe es ohne Unterbrechung von kurz nach neun bis um kurz nach acht geschafft und bin nun hellwach!

Gemächlich entrümpeln wir die Else und machen sie besenrein, von den an Bord gehorteten Pfand-Bierdosen werden wir alleine einen kleinen Urlaub machen können und ich beschließe gedanklich vorsorglich, für Donnerstag bei unserem „Lieferanten“ Edeka den Leergutautomaten für einige Stunden zu reservieren…!

Gegen Nachmittag holt uns erfreulicher- und liebenswerterweise Alena ab, wir beladen das Auto und kurze Zeit später ist Else alleine…!

Zum Schluss der Reise erfahre ich ein völlig neues Reisegefühl: In meinem Auto sitzt vorne am Steuer Alena, neben ihr Felix, ich darf hinten sitzen und habe königlich Platz und kann am Klapptisch vor mir meinen Tablet platzieren, ein bisschen surfen und mailen, die Landschaft an mir vorbeiziehen lassen und der „Jugend“ die Geschicke völlig überlassen.

So geht denn auch die Fahrt nach Wendisch Evern im Nu vorbei und als einziger Wunsch für meinen neuen Sitzplatz im Auto ist ein Kinderrollo an der Scheibe mit Bärchen, meinetwegen auch Autos…!

aufgeschrieben schon Anfang Juli 2016, unmittelbar nach der Reise… 

 

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