Ystad – Klintholm – Vejrø

Mein “Seaman” ist krank…!

Das vorgestrige Schwimmen in der 20° warmen Ostsee mit darauf folgendem kühlen Wind hat sie gefällt und nun liegt Uli rekonvaleszent in der Koje.

Zum Glück ist es nahezu windstill und das Fahrwasser unserer heutigen Tagesetappe zwischen den dänischen Inseln Falster, Møn und Seeland gut und eindeutig betonnt und problemlos “einhand” befahrbar, sogar Zeit und Muße zu diesem Post bleibt zeitweilig.

Doch der Reihe nach :

Vorgestern standen wir pünktlich um sieben vor der dann öffnenden Tankstelle des Gästehafen Ystad, haben vollgetankt und haben uns auf den etwa 55 Seemeilen langen Weg nach Klintholm auf der dänischen Insel Møn  gemacht.

Das Wetter ist in Form eines “Zeitfensters” von etwa 12 Stunden ruhig vorhergesagt und dieses “Fenster” wollen wir gleich nach dessen “Öffnung”, die wohl irgendwie in der Nacht stattgefunden hat, nutzen.

Die Erfahrung der letzten Wochen, derzufolge das fahrbare Zeitfenster entgegen der Wettervorhersage manchmal “vorzeitig und heftig” geschlossen wird, hat uns Respekt eingeflößt und wir haben keine Lust mehr, die Grenzen der ELSE – die weit oberhalb unserer liegen – weiter zu erproben…

Nach dem wir am Vorabend der Abfahrt mit der dänischen Gastlandsflagge nunmehr unsere letzte Gastlandsflagge gesetzt haben, geht die Fahrt über eine oberflächlich glatte Ostsee mit einer dennoch schaukeligen Restdünung Richtung Møn.

Einmal mehr auf dieser Reise gönnen wir uns eine Stunde “zeitverkürzende” Gleitfahrt und nach etwa drei Stunden Fahrtzeit tauchen die Kreidefelsen von Møn aus dem Dunst am Horizont auf. Eine weitere Stunde Fahrt sind sie zum Greifen nah vor uns, ein letztes “Highlight” auf unserer Reise.

Wir können uns nicht satt sehen, reduzieren unsere Geschwindigkeit auf Schrittempo, damit dieser Anblick nicht zu schnell vorübergeht.

Aus jeder Richtung sehen die Felsen anders aus, mal spitz, mal rund, von schroff bis lieblich ist alles dabei…

Ein Schweinswal -der erste seit langer Zeit-  zeigt sich kurz und taucht ab…

Backbords passieren uns in ein paar Seemeilen Abstand “alte Bekannte”, Peter Pan, “Finntrader” und Co. wie auf der Autobahn.

Langsam ziehen “Møns Klint” vorbei und wir nehmen Kurs auf Klintholm.

Die Seekarte weist für das Gebiet unmittelbar im Bereich der Zufahrt zum Hafen Klintholm Stellnetze aus; wir halten ordentlich Ausschau und entdecken viele Pfähle im Wasser. Das muss sie sein, die dänische Variante der Stellnetze. Durch eine große Lücke zwischen zwei “Pfahlgruppen” wollen wir durch, dazwischen schwimmen viele Seevögel auf dem Wasser…

Beim Näherkommen -und auch mit Brille erst kurz davor- entpuppen sich die Seevögel als joghurtbechergroße selbstgebastelte Bojen, an den offensichtlich Netze zwischen den Pfahlgruppen befestigt sind !

Wir weichen zügig aus und umfahren die Pfähle weiträumig !

Ein uns folgendes Motorboot kann sich wohl keinen Reim auf unseren Kurs machen, fährt erst mal weiter, um dann das gleiche “Manöver” wie wir zu machen, nur noch abrupter…

Der kann noch schlechter gucken…

Bei nur etwas Seegang hätte man die Bojen beim besten Willen nicht gesehen und wäre in das Netz gefahren, ebenso wie man die Pfähle dann oder insbesondere Nachts schlecht oder gar nicht sieht !

Radarreflektoren auf Netz oder Pfählen ? Fehlanzeige !

Am Tag fahren behält seinen Sinn, obwohl ich wirklich gerne auch mal nachts fahren würde…

In Klintholm legen wir an einem Längsseitssteg hinter einer Steinmole in einem fast leeren Hafen an, die Saison scheint trotz Sonne, Wochenende und warmen Wasser endgültig vorbei…!

Wir machen es uns in der Sonne erstmal kommod, trinken einen “Einlaufkaffee” – für das Einlaufbier ist es noch zu früh – und erkunden dann Klintholm.

Das ist schnell erledigt, außer Ferienhäusern am Hafen, einen Laden, ein paar Restaurants und einen Fischereihafen gibt es in Klintholm nicht viel zu sehen..

Dafür gibt es links und rechts des Hafens schönen Sandstrand und RUHE und auf die freuen wir uns nach unserer “Städtetour” der letzten Tage durchaus…

Abends gehen wir im Restaurant am Hafen eine wunderbare Scholle und “Møn Is”, auf einem Hof auf Møn hergestelltes tolles Eis essen…

Am nächsten Tag ist das Wetter nicht wie gewohnt richtig schön, es ist windig, “nur” 20° warm und die Sonne scheint kaum..

Mit dem Fahrrad mache ich mich auf in Richtung “Møns Klint”. der Kreidefelsen auf Møn, um diese auch von der “Landseite zu bestaunen.

Uli hat kein Fahrrad, mag wegen ihrer Gelenke auch nach wie vor nicht Rad fahren und erkundet die nähere Umgebung “fussläufig”.

Mein Weg führt etwa sieben Kilometer durch eine schöne dänische Landschaft, hügelig, teils bewaldet, teils mit Blick auf die Ostsee. Nur einzelne Gehöfte oder ein paar Häuser auf einem Fleck liegen an meinem Weg, Orte gibt es auf dem Weg zu den Klippen nicht.

Viele deutsche Autos überholen mich, seit langem erstmals mit einem “Affenzahn”, als ob die Klippen in Kürze abgerissen werden…

Nebenbei : Der Hafen von Klintholm ist mittlerweile fest in deutscher Hand, am Steg gegenüber liegt u.a. ein Segler mit einem Paar aus Wendisch Evern…

Ansonsten sind die meisten coole weitgereiste “Dänemarksalznacken”, die lauthals ihre nautischen Erfahrungen austauschen, so laut, das sie auch ja jeder hören kann…

Selbst im Funk, auf dem internationalen Anruf- und Notkanal, hört man ihre Erlebnisse und Lagemeldungen zum Stand der Essensvorbereitung und ähnlich wichtiger Dinge…

Ich muss zugeben, ich mag viele meiner “Landsleute” nicht besonders…

Schilder am Zeitschriftenstand des örtlichen Lebensmittelgeschäftes “Bitte die Zeitschriften nicht hier lesen” und einige andere “Verhaltenshinweise” an Deutsche sprechen eine klare Sprache …

“Mallorca-Habitus” der Deutschen auch in Dänemark, erfreulich, dass die Freundlichkeit der Dänen dennoch und auch zum Saisonende und am Wochenende ungebrochen  ist !

Auch auf den Kreidefelsen tummeln sich überwiegend Kurt, Annemarie und Co., gerne mit verhaltensgestörten, an der Leine hinterhergezerrten Rassehunden und Enkelkindern (“Chantaaal, mach ma Winke für die Oma…!”) und so beschränke ich mich auf einen kurzen Fußmarsch an die Klippen, genieße den Ausblick und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass wir gestern mit unserer ELSE da unten ganz nah vorbeigefahren sind…

Auf dem Hinweg gab es Gegenwind, auf dem Rückweg gefühlt auch, wobei ich mit meinem Klapprad bergab dennoch eine teils atemberaubende Geschwindigkeit erreiche und fast aus der Kurve getragen werde…

Am späten Nachmittag beginnt Uli krank zu werden und der Wind nimmt weit über die Vorheresage zu.

Uli verkriecht sich schon bald in die Koje und Klintholm wird durch den zur Sturmstärke zunehmenden Wind zur Zuflucht vieler Segler.

Ein Anlegemanöver nach dem anderen scheitert : Der Seitenwind beim Anlegen ist so stark, dass es kaum jemand zwischen die Dalben “in die Box” schaft, Dieselmotörchen heulen auf, Bugstrahlruder sind wirkungslos gegen den Seitenwind, die Schiffe krachen beim Anlegen gegen die Dalben oder liegen quer dazwischen, Flaggenstöcke brechen ab und Holz splittert, hilflose Skipper schreien ebenso hilflosen Ehefrauen sinnlose Befehle zu, Chartercrews bedienen ohne Sinn und Verstand Motor, Ruder und nicht vorbereitete Leinen…

Die meisten geben auf und legen sich im “Multipäckchen” -mehrere Boote aneinander – in Windrichtung zusammen.

Zwei bleiben cool : Im Funk höre ich eine “pan pan pan”- Meldung, ein Segler ist auf Grund gelaufen und obwohl “pan pan pan” die” Vorstufe zum SOS ist, bittet er ohne jede Aufregung “all ships” um “tug assistance” …

Lyngby Radio, die regionale “Revierzentrale” nimmt Kontakt mit ihm auf und wünscht wiederholt “you are welcome” und avisiert das baldige Eintreffen des “rescue vessel”, welches wir auch auslaufen sehen…

Auf beiden Seiten offensichtlich Profis, völlig ruhige Stimmen, als ob man sich zum Kaffee verabredet…

Was der “Spaß” den Segler kosten wird ( ist er u.a. deshalb “welcome” ?) und warum man den Rest der Aktion über “handyphone” abwickelt und warum der Segler auf Grund gelaufen ist, erschließt sich mir nicht…

Selbst nach Sonnenuntergang laufen noch Segler ein und in memoriam an die kaum oder nicht sichtbaren Stellnetze beneide ich sie, auch um das Anlegermanöver bei fast völliger Dunkelheit, nicht…

Am nächsten Morgen ist der Spuk völlig vorbei und entsprechend der Wettervorhersage liegt tatsächlich eine spiegelglatte Ostsee vor dem Hafen.

Irgend jemand muss die nachts glattgebügelt haben, anders man kann sich kaum vorstellen, wie dieser Wandel vom Hexenkessel zum Dorfteich innerhalb weniger Stunden möglich ist.

Uli ist leider richtig krank und so beschränkt sich ihre Mitwirkung beim Ablegen auf das Notwendigste.

Da man auch hier so gut tanken kann,  wollen wir ein letztes Mal in diesem Urlaub nach- und volltanken, auch wenn seit Ystad noch nicht viel raus ist aus dem Tank.

An der Tankstelle hat gerade ein mittelalter dicklicher Segler festgemacht und blockiert unser Vorhaben eine halbe Stunde lang ohne Sinn und Verstand : Anweisungen und Befehle an seine weibliche Mannschaft, zu offensichtlich zu blöd den Automaten zu bedienen, vom Sprit geht ungefähr die Hälfte “in den Bach”, immer wieder spritzt es hoch und daneben ohne das ihn das sichtlich beeindruckt oder er auf die Idee kommt, mal etwas langsamer zu Tanken und zuguterletzt verbraucht er eine ganze Rolle Küchenpapier um sein Boot vom Diesel zu reinigen…

Die dieselgetränkten Küchentücher landen im Papierkorb und mit einem aufwendigen Manöver, bei dem seine beiden beflissenen weiblichen Crewmitglieder und mehrere Kugelfender vollen Einsatz zeigen müssen, legt er bei Windstille ab.

Segeln ist so rein, so natürlich und umweltfreundlich…

Kurze Zeit später haben wir nachgetankt – die Nachtankmenge entspricht wirklich fast immer genau dem je Motor angezeigten Verbrauch und eigentlich brauchen wir unsere defekte Tankanzeige nicht mehr – und legen ab und Uli sich wieder hin.

“Einhand” fahre ich ELSE zwischen den Inseln Falster, Møn und Seeland zur Insel Vejrø, die gegen 14 :30 Uhr bei strahlendem Sonnenschein am Horizont auftaucht.

Wieder “Wildwechsel”, mehrere Schweinswale kreuzen ELSE`s Kurs und ein Seehund guckt uns minutenlang nach…

Eine Stunde später, das Wasser ist immer noch spiegelglatt und der Himmel mittlerweile von Horizont zu Horizont knallblau, erreichen wir den Hafen von Vejrø und machen längsseits fest.

Schon jetzt ist erkennbar, dass die Kreidefelsen von Møn nicht wie angenommen das “letzte Highlight” auf unserer Reise waren : Vejrø  hat was, nämlich was ganz eigenes und einmal mehr wird eines unserer Reiseziele bei warmen Wetter durch strahlendes Sonnenlicht gekrönt…

Was haben wir nur für ein unverschämtes Glück….!

Hoffentlich ist Uli morgen wieder gesund….

Vejrø ist augenscheinlich ein kleines “organisiertes hochwertiges Ökoparadies”, hier scheint sich jemand mit ganz viel Geld einen tollen Traum realisiert zu haben, die Authentizität von Ruhnu oder Saarema fehlt, gleichwohl ist alles liebevoll “gestaltet”…

Mehr dazu später, ebenso wie Bilder, leider lässt die Internetverbindung mal wieder nicht das zu was man möchte….

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