Aufgebracht…!!

Wir verbringen den letzten Tag in Nidden mit „chillen“, Einkaufen -elektrischer Kompressor für Fender und Fahhrrad für 11 €…!! -, Wasser aufüllen und Bezahlen der Liegegebühren beim Hafenmeister.

Kurz nach 15 Uhr brechen wir auf und wollen, bevor wir Kurs auf unser nächstes, nicht weit entferntes Ziel Juodkrante nehmen, die „Große Düne“ vom Wasser aus in Augenschein nehmen. Am Vorabend hatten wir bei unserem Spaziergang ja gesehen, wie toll diese „Ecke“ ist und das dort einige Schiffe aus Nidden dort lang bis an die russische Grenze heran gefahren sind.

Das wollen wir auch, ein unglaubliches Panorama, voraus die riesige, sich bis in den russischen Teil erstreckende Düne, querab, durch gelbe Bojen gegennzeichnet, die russische Grenze und vor Anker das russische Patroullienboot. Wir halten, so glauben wir, gebührend Abstand, um die Russen nicht zu provozieren und machen langsam kehrt, um nach Juodkrante zu fahren.

Nur wenig später folgt uns in Gleitfahrt das sonst im Hafen von Nidden liegende Patrouillenboot der litauischen Coast Guard, holt uns ein und stoppt schräg hinter uns auf.

Das Begehr der Grenzer ist zunächst nicht zu erkennen, die Scheiben des Bootes sind undurchlässig verspiegelt. Die Kabinentür öffnet sich und heraus kommen zwei in Tarnanzügen Uniformierte. Der dünnere der beiden fragt : „You now the rules…?“. Da ich mich mit Regel schon immer schwer getan habe, antworte ich wahrheitsgemäß „no, which rules..? “ . Der dünnere Uniformierte erläutert mir, das wir 200 Meter Abstand zur russischen Grenze halten müssen und entfacht damit eine kurze Debatte mit dem glatzköpfigen dicken Kollegen, der etwas von 600 Metern murmelt…! Okay Sir, verstanden, die beiden sagen goodbye und drehen ab, um die in der Nähe vor der Düne ankernde „Greenline“ eines litauischen Paares aufzusuchen..

Wir sehen, dass sie dort sehr schnell wieder abdrehen und uns erneut folgen…

Sie kommen tatsächlich zu uns, das gleiche Spiel von vorne, aufstoppen. Kabinentür auf, der jüngere kommt raus und bittet uns, ihm in den Hafen zu folgen, „to answer some questions from the officer…“ Gut, wenn der so wissbegierig ist, dann wollen wir helfen, seinen Wissensdurst zu stillen.

In Gleitfahrt folgen wir dem Patroullienboot über`s Haff, wahrscheinlich gibt es nachher einen Rüffel, weil man hier nicht so schnell fahren darf, ausser die Coast Guard.

Wieder zurück in Nidden legen wir da an, wo wir vor anderthalb Stunden abgefahren sind.

Das Patroullienboot hat schon vor uns angelegt und auf dem Steg steht der aufgeregte rührige Hafenmeister und redet auf die Grenzer ein. Er entschuldigt sich bei uns, er hätte uns sagen müssen, das man da wo wir waren nur mit „special permission“ hin darf, leider gibt es keine gedruckten Informationen darüber und er schimpft über das „crazy system“ und redet weiter auf die Grenzer ein.

Vergebens : Ich soll mitgehen, der Hafenmeister sagt noch, das es wohl keine großen Probleme geben wird und zetert weiter in Richtung der Grenzer.

Der jüngere, dessen Englischkenntnisse plötzlich versiegt sind, bedeutet mir ihm zum einem Auto zu folgen und einzusteigen.
Uli darf das Schiff zwischenzeitlich nicht verlassen.
Er braust los, durch Nidden, drei Kilometer in Richtung Klaipeda, biegt links ab in ein Waldstück und die Fahrt endet bald darauf aif einem militärähnlichen Gelände vor einem kamerabestückten Gebäude, deren Fenster zum Teil vergittert sind.

Meinen Fahrer habe ich während der Fahrt hier her ausgiebig betrachten können, sein Gürtel wird verziert durch eine XXL-Kanone, die in anderen Gegenden der Welt zur Elefantenjagd benutzt werden, zahlreiche Nadeleinstiche in der Armbeuge zeugen von irgendeiner Therapie oder einer betimmten Vorliebe und die dreistellige Nummer an einer Plakette zeugt davon, dass er entweder einer Eliteeinheit angehört oder dass es von seiner Spezies nicht mehr allzuviele gibt. Insgesamt hat er den Habitus des kleinen Bruders von „Rambo“, nur verbissener.

Er führt mich in einen „Besucherraum“, holt zwei junge Kolleginnen, von denen eine asiatisch Aussehende mir auf englisch erklärt, ich solle auf den vor mir hingelegten leeren Zettel eine „Explanation“ des „Happenings“ schreiben…

Auf meine Frage, ob ich da tatsächlich raufschreiben soll, das wir da hingefahren sind um die große Düne zu fotografieren. antwortet sie „yes, that`s good..!`“

Ich soll noch ergänzen, das ich nicht wusste, dass man da nur mit „special permision“ hindarf, das tue ich denn auch, was bleibt mir…

Sie befragt mich noch nach meinem Familienstand, wie viele Kinder ich hätte, wie viele davon erwachsen und wo ich arbeite und ob ich schon mal straffällig geworden bin…

Ich entschuldige mich für die Arbeit die ich ihnen mache, dann entschwinden alle, meine hinterhergerufene Frage, ob ich warten oder mitkommen soll wird mit mit einem kurzen „wait“ beschieden…

Gefühlt etwa eine Stunde warte ich, zwischenzeitlich frage ich eine dicke bezopfte Frau an der „Rezeption“ ob ich draussen in der Sonne warten dürfe… Sie erlaubt das mit einem freundlichen „yes“…

Zwischenzeitlich ist mein Fahrer weggefahren, gefühlsmäßig stelle ich mich auf einen langen schwierigen Nachmittag ein. Der Fahrer kommt bald wieder, hat einen, dem Lametta nach mit dem er behängt ist, ranghohen Offizier herbeigeschafft.

Ich warte auf der Treppe des Gebäudes und fange an, mir die Beine zu vertreten und auf dem Gelände rumzulaufen. Vielleicht kommt mir dann einer hinterhergelaufen, den ich dann fragen könnte, wie denn nun das weitere Procedere ist…

Nichts passiert, die Zeit läuft quälendend langsam. Aus dem Gebäude dringen abwechselnd die Geräusche von Pumps auf Steinfussboden, Gelächter und das Geräusch von Lochern und Tackern…

Vielleicht heften sie dort meine Akte zusammen und die Amtshandlung nährt sich dem Ende..?!

Auf alle Fälle habe ich sehr viel Zeit über das nachzudenken, was möglicherweise auf mich zukommt und das Warten lässt den Gedanken viel Spielraum…!

Nach unendlich langer Zeit kommen Rambo und die Ladys mit einem Stapel Papiere zurück und bedeuten mir, wo ich insgesamt ca. zehn Unterschriften zu leisten hätte.

Da alles ausschliesslich auf litauisch geschrieben ist, erkläre ich ihnen, dass ich das nicht so ohne weiters unterschreiben könne, da ich es nicht verstehe.

Rambos Gesichtszüge verfinstern sich.

Die asiatisch wirkende erklärt mir alles, wobei ich das Wort „Haftdeclaration“ vernehmen zu glaube… „Haft means prison…?!“ frage ich sie, sie lacht freundlich „no, no…only a declaration that you will not be punished…!“

Sie erklärt mir, das ich nicht bestraft werde und dass es nichts kostet, weil ich das das erste Mal gemacht habe und Ausländer bin und dass da alles auf dem Formular, in das sie meine Daten eingetragen haben, steht.
Das andere Formular soll bedeuten, dass sie mir meine Papiere und die der ELSE vollständig zurückgegeben haben.

Auf einem anderen Blatt, einem Kartenausschnitt, hat Rambo eine Skizze gemalt und die Standorte von ELSE und dem litauischen Patroullienboot „Böomerranger “ und dem Russenboot „Madeleina“ mit Koordinaten und Uhrzeit dargestellt.

Notgedrungen unterzeichne ich alles und bitte um Kopien, die sie mir anstandslos machen.

Nach dem Austausch einiger Floskeln nimmt Rambo Haltung an und chauffiert mich zurück zum Hafen. Da er ja nun kein Englisch mehr kann, verläuft die Fahrt wortlos, wobei mir auffällt, wie überaus vorsichtig und umsichtig er fährt.

Am Hafen verabschieden wir uns mit einem festen Händedruck, ich gehe ziemlich schnell und erleichtert auf die ELSE, womit dann wohl auch Ulis „Schiffsarrest“ endet.
Nur fünf Minuten später legen wir ab und machen uns von dannen, die russische Grenze und die „Große Düne“ achteraus schnell zurücklassend…

Wir sind ziemlich erleichtert.

Der Hafenmeister hat sich zuvor noch tausendfach für „seinen Fehler“ entschuldigt, er hätte uns das sagen müssen und und und… Er ist kaum zu beruhigen, obwohl ich ihm versichere, dass das ja nun alles nicht so schlimm gewesen ist.

In der ruhigen Abendstimmung auf dem Haff fahren weiter nach Juodkrante, wo wir kurz vor Sonnenuntergang spät an der fast leeren „Dorfpier“ anlegen. Sven und Max von der „White Shark“, die wir in Nidden kennengelernt hatten, liegen da auch und wir berichten Sven von unserem Erlebnis.

Letztlich sind wir der Überzeugung, das wir noch mehr als 400 Meter von der Grenze entfernt waren -so zeigt es nämlich der Track auf unserem Kartenplotter- und dass die Besatzung von der „Böomerranger“ nur ihre Daseinsberechtigung dokumentieren wollte, warum lassen sie uns nach der „Verwarnung auf See“ erst fahren, um dann so einen“Bohei“ daraus zu machen ??

Ärgerlich auch, das es in den aktuellen Seekarten des NV-Verlages wie auch im neuaufgelegten „Törnführer“ keinerlei Hinweis auf das „angemessene“ Verhalten an der Grenze gibt und auch keinen Aushang o.ä. beim Hafenmeister. Wir haben nur das „nachgemacht“ was wir seit Tagen vielfach bei anderen Schiffen und Booten gesehen haben, halt ohne zu wissen, das es einer „special permission“ bedarf…

Oder braucht man als Litauer vielleicht doch keine ??

Ich erinnere mich an die Worte des hilfreichen und symphatischen Marinachefs in Danzig : „Europa ist hier zu Ende“. Hat er am Ende wirklich recht oder wird hier was ganz anderes ausgetragen ? Wir werden es wohl nie erfahren…

Und diesen Text werde ich auch erst in Lettland posten…

Wir laufen noch ein wenig in Juodkrante rum, es ist sehr mild und das Haff liegt völlig glatt und still unter einem zunehmenden Mond, Frösche quaken laut im Schilf unweit der Else.

Den Mittwoch wollen wir in Juodkrante verbringen, um von hier aus am frühen Donnerstagmorgen zum vereinbarten Tanktermin nach Klaipeda zu fahren um danach wieder auf die Ostsee rauszufahren und Kurs auf Liepaja oder Pavillosta zu nehmen.

Ein Gedanke zu „Aufgebracht…!!

  1. Ich hatte doch gebeten von weiterer Dramatik abzusehen… liest sich aber sehr spannend..:-)
    Lieben Gruß an Skipper und Crew!
    Hier alles wohl auf.
    B.

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